...erzählt · ABC.etüden

[ABC.etüden.SOMMEREDITION] Regen im Süden

Sie konnte es nicht fassen.

Dicker schwarzer Qualm stieg in einiger Entfernung hinter ihr in die Höhe.

Sie starrte auf ihre Hände. Dicke warme Tropfen heftigen Sommerregens perlten an ihnen herunter, wie Armbänder schlangen sie sich um ihre Handgelenke und troffen von dort kaskadenartig auf den nach Feuchtigkeit lechzenden Boden.

Ihre Badelatschen waren bereits davongespült worden, wie kleine Schiffchen trudelten sie auf einem Sturzbach die Anhöhe hinunter. Sie hatte sie eh nie wirklich gemocht.

Langsam aber sicher erstickte der Regen den Qualm, der durch den von den Bergen aufkommenden Wind wie von einem Ventilator hinunter ans Meer gedrückt wurde. Sirenen waren zu hören. Sie wandte sich ab.

Ihre verhassten Sommersprossen glänzten nass, als endlich wieder ein Sonnenstrahl durch den wolkenverhangenen Himmel lugte. Sie griff nach ihrem durchgeweichten Sonnenhut und machte sich auf den Weg nach unten. Ans Meer.

Alle Mühe war umsonst gewesen. Sie hörte dem Rauschen zu, das zu einem betörenden Dröhnen in ihrem Kopf anwuchs. Ein paar einsame Schwimmflügel plätscherten mit jeder Welle näher an den Strand, wurden fortgerissen, nur um mit der nächsten Welle wieder ein Stückchen näher zu kommen.

Wie konnte das sein? Sie hatte sich alle Mühe gegeben. Die Sommer an der Costa Daurada waren heiß und trocken. Beste Voraussetzungen. Wer konnte schon mit einem Sommergewitter rechnen… Selbst die Wettervorhersagen der letzten Tage hatten das nicht kommen sehen.

Sie grübelte, was sie nun tun sollte. Zurückkehren konnte sie nicht mehr. Sie stieß mit dem Fuß gegen einen Liegestuhl. Es war zu spät. Die Chance war vertan.

Bis zum späten Abend stromerte sie am verlassenen Strand entlang. Eine tote Qualle zeugte von den vergangenen Wetterkapriolen. Sie hatte einen Entschluss gefasst.

Im Nachthimmel über Barcelona leuchteten Höhenfeuer auf. Sie konnte die Echos der Böller hören. Musik in ihren Ohren. Bald würde sie das alles hinter sich lassen können, Plan B war hieb- und stichfest.

Den Rest der Nacht verbrachte sie in ihrem Mietwagen. Zu ihrem Glück hatte man den bisher nicht ausfindig gemacht. Am nächsten Morgen würde sie dafür Sorge tragen, DASS man ihn fand. Oder das was von ihm übrig sein würde.

Sie wurde von drückender Wärme im Auto geweckt. Erschrocken schielte sie auf ihre Uhr. Halb sieben. Alles gut. Zu Hause hätten sie früher bei solchen Temperaturen Hitzefrei bekommen. Zu Hause. Sie verzog den Mund. Wie das klang; zu Hause. Wie aus einem fremden Leben. Bald würde es genau das sein: eine Erinnerung an ein fremdes Leben.

Sie startete den Motor und machte sich auf den Weg Richtung Norden. Sie würde schon eine geeignete Straße in den Nationalparks vor der Grenze zu Andorra finden. Eine schön steile, mit viel Gefälle auf einer Seite. Nach einer Stunde Fahrt hielt sie an. Mit einem grünen Wassermaler zeichnete sie eine Route auf die Straßenkarte. Barcelona-Andorra. Mitten durch die Berge. Immer wieder schwangen ihre Gedanken zu dem nur halb abgebrannten Wohnwagenpark. Dieser verflixte Regen. Dann aß sie einige von den Keksen, die sie seit Tagen ungeöffnet mit sich herumschleppte, bevor sie sich wieder auf den Weg machte. Kurz vor einer steilen Kurve schnallte sie sich ab, legte den schweren Rucksack aufs Gaspedal und ließ sich aus dem Auto rollen. Der Wagen schepperte über die Kurve hinaus in den Abgrund. Benommen lag sie am Straßenrand, schwer atmend, ihre Gedanken schlugen Purzelbäume. Sie war frei. Niemand würde das Autowrack bergen, nur orten können, GPS sei dank. Man würde sie für tot erklären.

Wieder begann es zu regnen. Sie war frei.


 

Diese Geschichte ist um die zehn Wörter des Etüdensommerpausenintermezzos entstanden, zu finden auf dem Blog von Christiane von irgendwasistimmer.

Es wird nicht mein letzter Beitrag gewesen sein, es macht soviel Spaß! Danke für diesen tollen Anstöße, kreativ zu schreiben!

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13 Kommentare zu „[ABC.etüden.SOMMEREDITION] Regen im Süden

  1. Eine temporeiche Geschichte, in der unglaublich viel passiert. Ich möchte sofort weiterlesen, wissen, was mit ihr los ist, warum sie das gemacht hat, was aus ihr wird.
    Schickes Ding. Gut gemacht! Schön, dass du zu den Etüden gefunden hast!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 3 Personen

  2. Huiui, mal etwas völlig anders. In Verbindung mit den vorgegebenen Wörtern überrascht mich so eine getriebene Geschichte. Ich mag besonders die beklemmende, mysteriöse Atmosphäre. Offenbar scheint vieles in der Vergangenheit dieser unnahbaren Figur vorgefallen zu sein, was jene Tat begründet. Man spürt es.
    Und auch wenn die Geschichte in Südeuropa verortet ist, die Stimmung erinnert mich an skandinavische Krimi-Romane. Ein „Widerspruch“, der mir gefällt.

    Jetzt möchte ich allerdings ebenfalls wissen, was vorgefallen ist, was dahinter steckt und – noch viel wichtiger -, wie lang sie frei gewesen ist (oder ob sie von ihren Schatten schneller eingeholt wurde, als sie dachte).

    Echt toll. 🙂

    Liebe Grüße
    Wurst&Zimt

    Gefällt 1 Person

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